Helmhold von Bosau:
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"Slavenchronik"

22. Von der Empörung der Slaven.

Im Verlaufe der Zeit, in welcher durch Gottes Barmherzigkeit und des sehr fromm gesinnten Helden Godescalk Verdienste der Zustand der Kirche und des Gottesdienstes ein glänzender ward, wurde nach dem Tode des Bischofs Abelin die Kirche von Aldenburg in drei Bisthümer getheilt. Dies wurde
aber keineswegs durch kaiserliche Verfügung herbeigeführt, sondern es ist ausgemacht, daß es ein Einfall Adalbert des Großen, Erzbischofs von Hammemburg, war. Dieser hochgestellte und im Reiche übermächtige Mann nämlich, welcher die Gunst des sehr tapferen Kaisers Heinrich, des Sohnes Konrads, wie auch des Papstes Leo besaß, so daß diese alle seinen Wünschen Gehör gaben, hatte über alle Reiche des Nordens, über Dänemark, Schweden und Norwegen erzbischöfliche Gewalt und die Macht eines päpstlichen Legaten. Aber auch damit noch nicht zufrieden, wollte er die Würde eines Patriarchen erlangen, so nämlich, daß er innerhalb seines Sprengels zwölf Bisthümer errichten wollte, wovon weiter zu reden überflüssig ist, weil dies verständigen Männern als ein abgeschmacktes und an Wahnsinn grenzendes Hirngespinst erschienen ist. Daher fand an seinem Hofe ein Zusammenfluß von vielen Priestern und Geistlichen, besonders auch Bischöfen statt, welche, aus ihren Sitzen  vertrieben, an seiner Tafel Theil nahmen. Um sich nun dieser Last zu entledigen, schickte er sie weit hinaus unter die Heiden, indem er manchen feste, manchen wandelbare Sitze anwies. So machte er den Ezo zum Nachfolger des Abelin in  Aldenburg, einen gewissen Aristo aber, der von Jerusalem kam, setzte
er in Racesburg ein; den Johannes bestimmte er für  Mikilinburg. Dieser Johann hatte aus Lust am Reisen Schottland verlassen und war nach Sachsen gekommen, wo er, wie Alle, vom Erzbischof gütig empfangen, und bald darauf zum Fürsten Godescalk ins Land der Slaven geschickt worden war, bei
welchem er dann viele tausend Heiden getauft haben soll.

Es herrschte Friede und Sicherheit im ganzen Reiche, da der sehr tapfere Kaiser Heinrich die Ungarn, die Böhmen, die Slaven und alle Nachbarvölker mit gewaltiger Hand bezwungen hatte. Als er (1056) starb, folgte ihm in der Regierung sein Sohn Heinrich, ein Knabe von acht Jahren. Sofort  brachen im Reiche mancherlei Unruhen aus, weil die Fürsten, welche nach Fehden gelüstete, die Kindheit des Königs verachteten. Und es erhob sich ein Jeder gegen seinen Nächsten und viel Unheil kam, immer zunehmend, über das Land, welches von   Plünderung, Brand und Todtschlag heimgesucht ward.

Bald nachher starb auch Herzog Bernhard von Sachsen, welcher die Angelegenheiten der Slaven und Sachsen vierzig Jahre hindurch voll Rüstigkeit verwaltet hatte. In seine Erbschaft theilten sich seine Söhne Ordulf und Heriman, so daß Ordulf die Regierung des Herzogthums empfing, obwohl er an
Tapferkeit, Kriegserfahrung und Glück seinem Vater bei weitem nachstand. Kaum waren auch nach seines Vaters Tode fünf Jahre vergangen, als die Slaven, die gleich auf Empörung gesonnen hatten, vor Allem zuerst den Godescalk ererschlugen. Dieser für alle Zeiten unvergeßliche Mann wurde nämlich wegen der Treue, die er Gott und den Herrschern bewiesen hatte, von den Barbaren, welche er selbst zum Glauben zu bekehren persönlich bemüht war, ermordet. "Denn die Missethat der Amoriter ist noch nicht alle" (1. Mose 15, 16) und nicht gekommen die Zeit, sich ihrer zu erbarmen. Daher war es nothwendig, daß "Aergerniß kam" (Matth. 18, 7) "auf daß die, so rechtschaffen waren, offenbar würden" (1. Kor. 11, 19). Es litt aber jener zweite Machabäus in der Stadt Leontium oder Lenzin am 7. Juni nebst dem Priester Eppo, der auf dem Altare hingeopfert wurde, und vielen anderen Geistlichen   und Laien, welche um Christi willen verschiedene Todesqualen  erduldeten. Der Mönch Ansver und Andere mit ihm wurden zu Racesburg gesteinigt. Ihr Leiden fiel auf den 15. Juli. Derselbe Ansver soll, als er zum Leiden kam, die Heiden angefleht haben, daß doch vorher seine Gefährten gesteinigt werden möchten, weil er befürchtete, sie könnten wieder abfallen. Als nun aber diese die Märtyrerkrone erlangt hatten, da knieete er selbst, wie einst Stephanus, voll Freuden nieder.

24. Der erste Abfall der Slaven vom christlichen Glauben.

Die Tochter des Königs der Dänen ward aus Mikilinburg, der Stadt der Obotriten, sammt den übrigen Frauen nackend fortgeschickt. Denn sie war, wie oben gesagt, die Wittwe des Fürsten Godescalk, der mit ihr einen Sohn, Namens Heinrich, gezeugt hatte. Eine Andere aber hatte ihm den Butue geboren. Beide waren sehr zum Verderben der Slaven auf die Welt gekommen.

Die Slaven nun, die also des Sieges sich bemächtigt hatten, verheerten das ganze hammemburgische Gebiet mit Feuer und Schwert, die Sturmaren und Holzaten wurden beinahe alle entweder getödtet oder gefangen hinweggeführt, die Veste Hammemburg von Grund aus zerstört, und zur Verhöhnung unsers Heilands selbst die Kreuze von den Heiden verstümmelt. Eben zu derselben Zeit wurde auch Schleswig, welches mit anderem Namen Heidibo heißt, eine sehr volkreiche und wohlhabende Stadt der Ueberelbischen, welche an der Grenze von Dänemark liegt, durch einen unvorhergesehenen Ueberfall der Barbaren von Grund aus zerstört. So ward uns die Phrophezeiung erfüllt, welche sagt: "Herr, es sind Heiden in dein Erbe gefallen, die haben deinen heiligen Tempel verunreinigt" u. s. w.
(Psalm 79, 1); prophetische Klageworte über die Zerstörung Jerusalems. Der Urheber dieses Blutbades soll Blusso gewesen sein, der eine Schwester Godescalks zur Gemahlin hatte und als er nach Haus kam, auch selbst einen gewaltsamen Tod erlitt. Demnach fielen alle Slaven, indem sie sich insgesammt mit einander verschworen, wieder ins Heidentum zurück, nachdem sie die, welche im Glauben verharrten, erschlagen hatten. Herzog Ordulf kämpfte während der zwölf Jahre, während welcher er den Vater überlebte, vergebens gegen die Slaven, und konnte niemals einen Sieg erlangen, sondern wurde so oft von den Heiden überwunden, daß er selbst den Seinen zum Gespötte ward.

Es ereignete sich aber diese Umwälzung im Lande der Slaven im Jahre 1066 der Fleischwerdung des Herrn, im achten Jahre König Heinrichs IV. Der Aldenburger Bischofsitz blieb 84 Jahre lang unbesetzt.

25. Vom Cruto.

Nachdem also Godescalk, der tugendhafte Verehrer Gottes, gestorben war, gelangte die erbliche Nachfolge in seinem Fürstentume an seinen Sohn Butue. Da nun die, welche den Vater ermordet hatten, befürchteten, der Sohn möchte den Tod seines Vaters rächen, so erregten sie einen Aufstand des Volks, indem sie sagten: "Nicht dieser soll über uns herrschen, sondern Cruto, Grin's Sohn. Denn was wird es uns helfen, daß wir, um die Freiheit zu erlangen, den Godescalk getödtet haben, wenn dieser die Fürstenwürde erbt? Er wird uns ja noch härter drücken, als der Vater, und wird, verbündet mit dem Volk der Sachsen, das Land mit neuer Trübsal erfüllen." Darum verschworen sie sich und setzten sich den Cruto zum Fürsten, so daß sie die Söhne Godescalks, denen dem Rechte nach die Herrschaft gebührte, ausschlossen. Der jüngere derselben, Heinrich, nahm seine Zuflucht zum Könige der Dänen, zu dessen Geschlechte er gehörte. Der ältere aber, Butue, begab sich zu den Barden und suchte bei den Fürsten der Sachsen, denen sein Vater stets treu und ergeben gewesen war, um Hülfe nach. Diese erzeigten sich denn auch für das bewiesene Wohlwollen dankbar, nahmen den Kampf um seinetwillen auf, und setzten ihn nach vielen mühseligen Feldzügen wieder ein. Jedoch blieb Butue's Macht immer gering und konnte nicht erstarken, weil er, einem christlichen Vater entsprossen und ein Freund der Herzoge, bei seinem Volke für einen Verräther an der Freiheit galt. Denn nach jenem Siege, in Folge dessen zuerst durch Godescalks Ermordung das Land der Nordelbinger erschüttert wurde, schüttelten die Slaven mit bewaffneter Hand das Joch der Knechtschaft ab und waren so hartnäckig bemüht, die Freiheit zu vertheidigen, daß sie lieber sterben, als den Namen von Christen wieder annehmen oder den Herzogen der Sachsen Zins zahlen wollten. Diese Kränkung hatten sich die Sachsen durch ihre unselige Habsucht in der That selbst zugezogen, weil sie, als sie noch im vollen Besitze ihrer Macht und durch häufige Siege berühmt waren, nicht erkannten, daß der Krieg des Herrn, unsers Gottes, ist und von ihm selber der Sieg kommt, sondern vielmehr die Völker der Slaven, welche sie durch Krieg oder Verträge unterworfen hatten, mit so großen Auflagen belasteten, daß sie durch die bittere Noth gezwungen waren, den göttlichen Gesetzen und dem Joche der Herzoge zu widerstreben. Diese Schuld büßte Ordulf, der Herzog von Sachsen, der, von Gott völlig verlassen, so lange er den  Vater überlebte, über die Slaven keinen Sieg davon zu tragen vermochte. Daher kam es auch, daß Godescalks Söhne, die ihre Hoffnung auf den Herzog setzten, auf ein schwankendes Rohr und einen gebrochenen Stab sich stützten.

Nach Ordulfs Tode folgte ihm im Herzogthume sein Sohn Magnus, geboren von einer Tochter des Königs der Dänen. Er nun verwandte gleich nach Antritt seiner Regierung alle Kräfte seines Geistes wie seines Arms auf die Unterjochung der aufrührerischen Slaven, wozu ihn Butue, der Sohn
Godescalks, anreizte. Jene aber begannen einmüthig sich zu widersetzen, geleitet von Cruto, dem Sohne Grins, der gegen den Namen Christi und gegen die Hoheit der Herzoge Feindseligkeit übte. Zuerst trieben sie den Butue aus dem Lande, indem sie die Burgen, in denen er Zuflucht fand, zerstörten. Als er sich nun der Herrschaft beraubt sah, floh er zum Herzog Magnus, der damals grade zu Lunenburg lebte.